Schon der Opa prophezeite, dass er Pastor wird

KIRCHE Westeraccums neuer Pastor ist zugleich der alte Pastor Holger Erdwiens – Er beendet seine dreijährige Probezeit

Als Pastor auf Probe, so Erdwiens, mache man schon dieselbe Arbeit wie im Vikariat. Doch es sei noch mal eine andere Verantwortung.

VON INGA WIENER-ROHLFS

WESTERACCUM – Viele werden sich erst einmal fragen, ob es unerwartete Bewegung im Kirchenpersonal gibt, doch sie werden schnell merken: Der neue Pastor ist zugleich der alte Pastor, denn Holger Erdwiens aus Westeraccum wird zum Pastor auf Lebenszeit ernannt. Bislang war der 34-Jährige in den Kirchengemeinden Westeraccum, Westerbur und Roggenstede für drei Jahre nur auf Probe tätig. Eine erstaunlich lange Zeit, ehe die endgültige Ernennung zum Pastor erfolgt.

Schubs ins kalte Wasser

Als Pastor auf Probe, so Erdwiens, mache man schon dieselbe Arbeit wie im Vikariat: Gottesdienste, Beerdigungen und Trauungen. Doch es sei noch mal eine andere Verantwortung und eine andere Öffentlichkeit. „Als Vikar wird man von seinem Mentor beziehungsweise Pastor beschützt.“ Doch eine Kirchengemeinde selbst in Eigenverantwortung zu betreuen, sei wie ein „Schubs ins eiskalte Wasser“. Anfangs sei es anstrengend gewesen, denn Edwiens übernahm gleich mehrere Gemeinden, aber mit der Zeit habe es sich eingespielt. Auf diesen Schritt könne man sich nicht vorbereiten. Ein Pastor sagte ihm einst: „Ich kann dir beibringen, Vikar zu werden, aber nicht Pastor zu werden. Die Erfahrung musst du selber machen.“
„Pastor“, sagt Erdwiens, „ist man immer. Es ist eine Berufung.“ Mehr noch – es müsse sogar so sein, denn wenn man dies nur als Job ansehe, dann könne man auch von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen nicht viel erwarten. „Man muss da schon ein Stück als Pastor vorangehen“, macht der 34-Jährige deutlich – entweder sei man voll und ganz Pastor oder eben nicht.
Im Februar 2012 trat Erdwiens seine Stelle mit einem Ordinationsgottesdienst an, bei dem er mit seiner Familie offen von der Gemeinde aufgenommen wurde. Es war ihm wichtig, dass sich seine Familie hier wohl fühlt. Gerade hatte er sein zweites theologisches Examen bestanden, das Vikariat in der Gemeinde Riepe hinter sich gebracht.

Pastor Holger Erdwiens beendet nun seine dreijährige Probezeit und übernimmt die Kirchengemeinden Westeraccum, Westerbur und Roggenstede. BILD: INGA WIENER-ROHLFS

Pastor Holger Erdwiens beendet nun seine dreijährige Probezeit
und übernimmt die Kirchengemeinden Westeraccum,
Westerbur und Roggenstede. BILD: INGA WIENER-ROHLFS

Zwei Fulltime-Jobs

Sich in Westeraccum wohlzufühlen, „fiel mir nicht schwer“, erzählt der gebürtige Emder. Die Eingewöhnung sei schnell gegangen, nicht zuletzt, weil die Gemeindeglieder sehr verständnisvoll waren. Schließlich hat der Ostfriese nicht nur den Fulltime-Job als Pastor in den Kirchengemeinden Westeraccum, Westerbur und Roggenstede, sondern im Februar dieses Jahres auch eine Viertelstelle in Westerholt übernommen. Zuvor war er mit einer Viertelstelle in der Kirchengemeinde Esens tätig. Vor kurzem bot er zudem noch einen Glaubenskurs über die evangelische Erwachsenenbildung an. Und nicht zu vergessen: Zuhause im Pfarrhaus in der Johann-Dollmann-Straße 2 in Westeraccum warten seine schwangere Frau Eyleen, die ebenfalls Theologie studiert hat, und seine Kinder: die sechsjährige Johanna, der vierjährige Jascha und der zweijährige Konrad. Doch Holger Erdwiens hat alles gut im Griff und scheint die „Ruhe selbst zu sein“ – eben der geborene Pastor. Das wusste auch schon Opa Johann, der ihm bereits damals prophezeite: „Du wirst auf jeden Fall Pastor.“ Und der musste es wissen, denn sowohl sein Vater, dessen Bruder als auch ein Cousin schlugen diesen Berufsweg ein.

Werdegang

Dabei stand dieser Weg des „Pastorseins“ anfangs gar nicht so im Vordergrund. Nach dem Abitur 1999 am Gymnasium im Treckfahrtstief in Emden, begann er ein Studium in Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Emden. „Erst als in der Gemeinde Emden/Borssum ein neuer Vikar kam und dieser sich Zeit nahm, um mir meine Fragen bezüglich eines Theologiestudiums zu beantworten“, berichtet der Pastor, sei es letzten Endes zu der Entscheidung gekommen, Theologie zu studieren. Das tat er von 2002 bis 2005 in Bielefeld-Bethel, anschließend ging er 2005 nach Leipzig und schließlich nach Münster. 2007 stand noch ein Auslandsaufenthalt in England an, an dem auch seine Frau Eyleen teilnahm. Am Beruf reize ihn vor allem, der Umgang mit Menschen, die sich in bewegenden Situationen befinden – ob bei erfreulichen oder traurigen Ereignissen.
Im Laufe der vergangenen drei Jahre hat Erdwiens die Kirchengemeinden allesamt liebgewonnen. „Jede Kirche versprüht ihren eigenen Charme.“ Und auch seine Frau und seine Kinder fühlen sich in der 400-Seelengemeinde wohl. „Als Pastor möchte ich liebevoll, biblisch und weltoffen die Botschaft Gottes weitergeben. Für mich ist es kein Widerspruch, zugleich biblisch und theologisch fundiert als auch in zeitgemäßer, freundlicher und einladender Weise, Kirche zu sein.“
Doch nun hat die Probezeit ein Ende, und es stand obligatorisch ein Bewerbungsverfahren an. Im Wahlverfahren für die Pfarrstelle haben sich die Kirchenvorstände in geheimer Abstimmung am 9. Dezember für Pastor Holger Erdwiens entschieden, berichtet Superintendentin Angela Grimm. Erdwiens ist sichtlich erleichtert und sehr froh über diese Entscheidung.

Heiligabendgottesdienst

Wahrscheinlich wird er im Februar 2015 offiziell eingeführt – doch vorerst muss noch eine kleine Hürde genommen werden, denn die Aufstellungspredigt an Heiligabend steht an. „Da freue ich mich schon sehr darauf, aber aufgeregt bin ich nicht.“ Dennoch bereite er sich wie auf jeden Gottesdienst, auch auf diesen, vor. Der Weihnachtsgottesdienst am Mittwoch, 24. Dezember, wird um 19.30 in der Westeraccumer Kirche stattfinden.

Veröffentlicht im Anzeiger für Harlingerland vom 20. Dezember 2014