Ein Gotteshaus im Zeichen der Seefahrt

PETRIKIRCHE Schiffe und Kapitänsgräber betonen Westeraccums Nähe zum Meer – Gebäude hat noch altes Domikalgewölbe

Protestantisch schlicht kommt die Kirche daher. Besonderes lässt sich in dem Gebäude aus Backstein dennoch entdecken.

VON JULIA DITTMANN

WESTERACCUM – Rustikal. So wirkt die Petrikirche in Westeraccum zunächst. Denn die roten Backsteine, aus denen das Gotteshaus gebaut ist, sind auch im Innenraum nicht verputzt.

„Die Kirche war zu feucht“, erklärt Kirchenführer Hermann Rector. Es habe immer feuchte Stellen auf dem Putz gegeben. Nun liegen die Steine frei, die Fenster öffnen sich automatisch einen Spalt, um zu lüften. Auffälliger als die roten Wände ist jedoch die Decke des Kirchenschiffes. Denn anders als in der Mehrzahl der Kirchen in der Region, sind die drei sogenannten Domikalgewölbe in Westeraccum erhalten geblieben. Domikalgewölbe sind zur Mitte hin kuppelartig geformt.

Drei Fotos von Julia Dittmann  zeigen eine Ansicht der Kanzeltür, das Votivschiff über dem Ausgang sowie eine Totale Richtung Altar

„In den meisten Kirchen sind die Gewölbe wegen Einsturzgefahr beseitigt worden“, erläutert Rector. Sie seien dann durch flache Decken ersetzt worden. „Hier ist das trotz der Nähe zum Wasser und der salzigen Luft nicht passiert. Bei der Renovierung 2000 wurden auch die Malereien unter dem Putz entdeckt und restauriert“, fährt der 89-Jährige fort.

Die Nähe zum Meer und damit zur Seefahrt hat das Gebäude geprägt. Davon zeugen schon die zwei Votivschiffe, die dem Gebäude gestiftet wurden. Das eine hängt im Mittelgang zwischen den zwei Kronleuchtern, das andere ziert den Ausgang an der Nordseite. „Die sollen die Verbundenheit der Gemeinde mit ihren Seefahrern betonen“, sagt Hermann Rector.

Die Fischerei ist seit Jahrhunderten für den kleinen Ort von Bedeutung. Ausgrabungen der Ostfriesischen Landschaft um die Jahrtausendwende haben ein kontinuierliches Aufschütten einer Warft vom ersten Jahrhundert nach Christus bis heute nachgewiesen. „Die nahe Nordsee machte Handel früh möglich“, führt Hermann Rector weiter aus.

Andere alte Kirchen präsentieren häufig die Schätze ihrer katholischen Vergangenheit. In der Petrikirche hingegen wird der Protestantismus neben dem sehr schlicht gehaltenen Innenraum selbst durch den Kanzelaufgang noch hervorgehoben. Der ist verschlossen mit einer geschnitzten Tür, flankiert von den Reformatoren Jan Hus und Martin Luther. „Das Amt für Kunst- und Denkmalspflege hatte das Tor abgenommen und die Figuren an die Wand gestellt“, erzählt Hermann Rector. Nun ist die Kanzel mit dem Aufgang als Gesamtes wieder hergerichtet worden. Sie stammt von 1694. Auf dem Schalldeckel sind verschiedene kleine Figuren zu sehen, unter anderem Jakob mit der Himmelsleiter.

Vergleichsweise neu ist die Orgel: 1972 wurde sie in der Werkstatt von Alfred Führer in Wilhelmshaven gebaut. Der Orgelprospekt hingegen – das äußere Erscheinungsbild des Instruments – ist noch von der Vorgängerorgel aus dem Jahr 1810.

Die Empore, auf der die Orgel steht, zeigt an ihrem Geländer acht Tugenden in menschlicher Form: Die Geduld, die Mäßigkeit, die Vorsichtigkeit, die Liebe, der Glaube, die Hoffnung, die Gerechtigkeit und die Stärke.

Eine weitere Besonderheit in Westeraccum: die Kapitänsgrabsteine aus dem 18. Jahrhundert. Sie stehen auf dem Friedhof um die Kirche herum. Anstelle von flach liegenden Grabplatten, handelt es sich um aufrechte Stelen. „Der Transport des Sandsteins war sehr teuer, deshalb konnten sich das fast nur Kapitäne leisten“, sagt Rector. Die Platten wurden mit dem Schiffstyp geschmückt, auf dem der jeweilige verstorbene Kapitän zur See fuhr.

Zwei Fotos von Julia Dittmann zeigen Hermann Rector und die Außenansicht der Petrikirche Westeraccum wo der Glockenturm separat steht, wie bei den meisten friesischen Kirchen



DIE OSTUNG
Unter einer Ostung versteht man die Ausrichtung vieler Kirchengebäude nach Osten, zum Sonnenaufgang. Die aufgehende Sonne gilt im Christentum als Symbol für die Auferstehung Christi. Die Ausrichtung hin zur Sonne ist allerdings viel älter als das Christentum.

Bei einer geosteten Kirche liegt der Altar in der Ostspitze des Gebäudes. Im frühen Christentum hingegen lag der Eingang im Osten, der Altar im Westen, sodass die Priester Richtung Gemeinde und gleichzeitig Richtung Osten den Gottesdienst feierten. Damit hat man sich bewusst gegen die als heidnisch empfundene Anbetung der Sonne gerichtet. Zudem folgte dies der Ausrichtung des Jerusalemer Tempels.

Eine besondere Richtung zum Beten kennen viele Religionen. Das Judentum etwa hat sich zum Tempel nach Jerusalem gewendet, im Islam wenden sich Betende der Ka’aba in Mekka zu. Auch hinduistische Tempel sind oft in Ost-West-Richtung ausgerichtet.


Quelle: Anzeiger für Harlingerland vom 29.07.2020